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Erinnerungen sind kleine Sterne, die tröstend in das Dunkel unserer Trauer leuchten

Autor: Miri | Datum: 18 September 2017, 08:02 | 0 Kommentare

Ich war 16 als ich erfuhr dass mein Bruder gestorben war. Ich war zum Boden zerstört und alles was ich fühlte war Angst. Angst und das Wissen, dass sich mein Leben von nun an ändern würde. Die darauf folgende Zeit war hart. Ich nahm schnell ab, trennte mich von meinem damaligen Freund, musste mit Schuldgefühlen und Selbstzweifeln kämpfen und sank in ein tiefes schwarzes Loch, dessen knochige Finger mein eigentliches Ich nach und nach aus mir zerrten. Ich lernte neue tolle Menschen kennen, welche mir darüber hinweg halfen und ein Jahr später bekam ich einen neuen Lichtblick: Mein Ziel nach dem Abitur war es raus zu kommen. Weg von Zuhause, rein in das Neue. Und als ich letztes Jahr eine Zusage auf meine Bewerbung bei der VEM erhielt, konnte ich mich vor Freude kaum halten. Erst Recht, da mich mein familiäres Heimatland Tanzania erwartete. Fernweh wuchs und wuchs und meine Motivation das Abi zu schaffen und danach ein Jahr etwas völlig Neues zu starten, war atemberaubend groß. Ich genoss die letzte Zeit mit Freunden und Familie und stieg mit fest entschlossenen Schritten in den Flieger. 3 Wochen später und meine innere Welt hat sich gedreht. Ich liege krank in meinem Bett und schaue zurück auf die letzten Tage. Noch nie ist mir so viel auf einmal in so kurzer Zeit passiert. In der ersten Woche der versuchte Einbruch, Zweifacher Umzug, keine Stelle, fremde Menschen. In der Zweiten Woche prägender Kulturschock, Heimweh, aufkommende Depressionen und Motivationsverlust. Nebenbei ständige Komplikationen im Haus und Unwetter. 3 Woche: Meinen 19. Geburtstag verbrachte ich mit Paul in Bukoba, doch als ich nach diesen erholsamen zwei Tagen nachhause kam, überraschten mich die Flöhe in meinem Haus. Zwei Tage lang war ich am Waschen, Putzen und Bügeln. Mein Körper verlor an Kraft. Alle Nächte, welche ich bisher hier in TZ verbracht hatte, waren von Albträumen und Schlafmangel besessen. Und diese Albträume handelten von meinem Bruder. Dieses Land verbindet mich mit ihm, da er hier den Großteil seiner Kindheit verbracht hatte. Den Urlaub mit ihm hier habe ich als eine wunderbare Zeit in Erinnerung, weshalb ich nicht die Erwartung hatte, dass wenn ich hier herkommen würde, dass dieser Ort zum Hindernis werden könnte. Um es euch anschaulicher zu machen, ziehe ich nun den Vergleich eines Liebeskummers: Ein Paar trennt sich nach Jahrelanger Beziehung und geht getrennte Wege. Doch immer wieder gelangen sie an alte Orte, an welchen sie zusammen wunderschöne Zeit verbracht hatten. Diese Erinnerungsstücke schmerzen im Herz, da sie daran erinnert werden, wie sie trotz all dieser wundervollen Zeiten auseinander gehen mussten. Jetzt ist Geschwisterliebe allerdings nochmal etwas ganz besonderes und auf die Tatsache hinweg, dass ich nichts mehr rückgängig machen kann, stehe ich trotzdem an diesem Ort und werde tagtäglich mit meiner Vergangenheit konfrontiert. Hinzu kam mein plötzliches in Ohnmacht fallen. Nun liege ich mit einer Gehirnerschütterung und ständiger Übelkeit im Bett und habe beschlossen dieses Jahr aufgrund meiner Gesundheit abzubrechen. Es fällt mir mehr als schwer dies in aller Öffentlichkeit auszusprechen, da ich selber nicht ganz damit zufrieden bin erst drei Wochen hier zu sein und schon dem Rückflug entgegen zu sehen. Doch die VEM, meine Familie und Freunde raten mir zu diesem Entschluss und auch mein Kopf weiß, dass ich professionelle Hilfe in Deutschland benötige bevor es immer mehr bergab geht. Jetzt heißt es erst mal bestmöglich gesund werden und die letzten Tage hier versuchen zu genießen, um nicht das Land in Verbindung mit einem negativen Gefühl dastehen zu lassen. Es war eine der schwersten Entscheidungen die ich in meinem bisherigen Leben treffen musste. Fragen in meinem Kopf stellten sich auf: Was mache ich nun in Deutschland? Werde ich wieder gesund? Wie kann ich wieder zu meinem eigentlichen selbstbewussten Ich zurück finden? Kann ich wieder hier her zurück kommen? Wird mich jemand auslachen? Wird jemand darüber urteilen, dass ich schon jetzt aufgebe? Und ich sammelte Antworten von allen meinen Lieben: Wenn du die Antwort nicht kennst, ist es nicht Zeit die Antwort kennen zu müssen. In Gottes Plan wird alles zur rechten Zeit klar. Wer das Urteil der Menschen fürchtet, gerät in ihre Abhängigkeit. Wer aber dem Herrn vertraut ist gelassen und sicher. Aufgegeben habe ich nicht. Viel eher beweist es Stärke sich für das Richtige zu entscheiden und in diesem Fall ist meine Gesundheit das höchste Gut, welches Gott mir geschenkt hat. Meine Seele litt hier schon von Anfang an und da ich diese nicht beachten wollte, zwang sie den Körper dazu mir durch die Schmerzen zu signalisieren, dass ich auf mich hören sollte. Viele werden mich also überraschender Weise schon bald wieder in Deutschland sehen. Einerseits freue ich mich auf alle, hoffe aber auch, dass ich mich dort nicht mit den Gedanken der Selbstzweifel herum schlagen muss. Doch ich vertraue auf Gott, dass es sein Plan und seine Absicht ist, dass ich zurück komme und meine Wurzeln Zuhause weiterschlage. Mein großer Dank geht an Achsah, meine herzliche Mentorin, ohne die ich das hier gar nicht erst soweit geschafft hätte. Jedesmal konnte ich dank ihr mir viele neue Chancen geben nicht sofort aufzugeben und innerhalb kürzester Zeit habe ich sie sehnlichst in mein Herz geschlossen. Auch danke ich allen anderen Freiwilligen für eure offenen Ohren und euer Mitgefühl. Eure Gruppe hat mich das letzte Dreiviertel Jahr begleitet und es war mir eine Ehre mit euch allen die Vorbereitungsseminare erleben zu können, euch mit meinen ständigen Gedichten zuzustopfen und gemeinsam mit euch unser T-Shirt zu kreieren. Jeder von euch bedeutet mir sehr viel und gerne komme ich euch alle besuchen, wenn ihr ebenfalls wieder zurück seid. Auch möchte ich meiner ganzen Familie danken, welche mir ständigen Rückhalt über Whats App schenkt und mich in all meinen Entscheidungen unterstützt. Und zu Guter letzt danke ich meiner besten Freundin Ella und meinem Freund, welche harte Stunden voller Ungewissheit nach meinem Zustand verbringen mussten. Aufjedenfall werdet ihr weiterhin von mir in diesem Blog hören, auch wenn ich ihn von Deutschland aus weiterführen werde. Denn schließlich möchte ich euch ja auch an meiner voraussichtlichen Besserung teilhaben lassen. Liebste Grüße aus dem regnerischen Karagwe, Eure Miriam Zawadi

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