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Abbruch und Abschied nehmen

Autor: Miri | Datum: 21 September 2017, 20:16 | 0 Kommentare

Gerade sitze ich ich am Flughafen in Bukoba und warte am Gate, um in den Kleinflieger nach Dar es Salaam einsteigen zu können. Dort werde ich bis morgen im Hotel übernachten und dann geht mein Flug zurück nach Deutschland. Meine Gefühle sind gemischt, hauptsächlich hoffnungsvoll, da ich weiß, dass es mir bald besser gehen wird was meine Gesundheit und die somit inbegriffenen Psyche angeht. Am Samstag werde ich voraussichtlich dann in Düsseldorf ankommen und ab diesem Tag beginnt ein neuer Abschnitt meines Lebens. Ein Abschnitt, mit welchem ich keineswegs so früh gerechnet habe. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit hier für ein Jahr zu bleiben. Allein dadurch, dass ich aus Erfahrung mit diesem Land nur positive Aspekte verband. Meine Vorstellung sah so aus: "Ich komme an und fühl mich von Vornherein wohl. Die ersten Wochen werde ich im Honeymoon Feeling verbringen, werde neue tolle Menschen kennen lernen und jeden Morgen, den ich aufwache mit großer Freude füllen. Ich werde sicherlich mal das eine oder andere Tief haben, weil ich meine Familie und Freunde vermisse, aber das wird durch all das wundervoll Bekannte schnell verfliegen. Ich werde mich sicherlich an meiner Stelle als Lehrer Assistentin wohl fühlen, auch wenn es in manchen Situationen bestimmt mal schwieriger als gedacht wird. Doch das pack ich locker, denn als Kind habe ich doch auch schon immer Lehrerin gespielt, warum sollte ich es nicht jetzt auch können? An Weinachten werde ich dann mit den Menschen bei mir Zuhause ihre Traditionen für die Festtage kennen lernen und Silvester mit Paul und Lena in Bukoba verbringen. Vielleicht wird sich ja mal die Möglichkeit ergeben und ich komme nach Sansibar, so verpasse ich auch gar nichts. Natürlich mache ich mir dann so langsam Gedanken mit der Zeit, wie und wo ich meine Zukunft gestalten werde. Vielleicht eine Ausbildung als Konditorin, Jugendreferentin oder eher Studium? Im Juli kommen dann meine Eltern und ich nehme mir Urlaub, um gemeinsam mit ihnen all unsere Bekannten und Freunde von früher in ganz Tanzania zu besuchen. Inklusive einer Safari, welche ich mir zum 19. Geburtstag gewünscht habe. Ja und dann..? Dann werde ich erst Abschied nehmen, werde all meine Koffer mit Tansanischen Geschenken zupacken und mit Vorfreude und Trauer aufgrund des Abschieds in den Flieger steigen. Und selbstverständlich komme ich bereichert zurück und werde wie meine Familie Kiswahili sprechen können! Ach, das kann doch nur toll werden..Miriam! Mach dir keine Sorgen, du wirst das tollste Jahr deines Lebens haben, so wie es dir deine Mentorin schon die ganze Zeit auf What's App verspricht." Nun klingt das alles sehr ironisch und ein Stück weit meine ich das auch. Allerdings wende ich mich nicht an diesen Schreibstil, weil alle anderen sich doch hätten darum kümmern können, dass diese Erwartungen in Erfüllung geht, sondern weil ich persönlich viel zu blauäugig in dieses Jahr gestartet bin. Ich selber habe mir unbewusst viel zu große Ziele gesetzt, welche ich alle gar nicht richtig erfüllen kann. Die Menschen hier haben ihr bestes gegeben, damit es mir gut geht. Damit ich meine Sorgen vergessen kann. Doch bei mir hing die Blockade im Kopf. Letztendlich hätte ich mir nur selber helfen können, um mich von meinen Ängsten und der Vergangenheit zu befreien. An mir selbst hing die Erwartung, an mir selbst hing das Handeln. Doch jetzt muss und will ich mich verteidigen.. Denn gerade durch die gefallene Entscheidung muss ich zu mir selbst stehen und sollte mich nicht in das Licht des leichtsinnigen und willenlosen Mädchens stellen. Auch wenn ich hiermit große Chancen (viele sagen sogar die größte Chance des Lebens) verpasse und aufgebe.. das was mich hier halten würde wäre nur die Angst, dass ich verurteilt werde, wenn ich zurück komme. Dass andere grinsen und mir genau das ins Gesicht klatschen was ich mir selbst schon vorwerfe: „ Miriam, du bist doch so stark gewesen! Du hattest doch Ziele.. Hast du den Willen verloren diese zu verwirklichen? Warum bist du dir selbst nicht treu geblieben und bist schwach geworden?". Das ich jetzt zurück komme beweist keine Schwäche, weil ich mir anscheinend in meinen Träumen nicht treu geblieben bin, sondern viel eher Stärke. Denn ich wende mich gegen die größte Angst verurteilt zu werden. Ich wehre mich, um letztendlich in meiner gewendeten Situation zu mir selbst zu stehen. Ich habe mich für meine Gesundheit entschieden. Dafür, dass mir geholfen wird, wo ich es selbst nicht kann und die Menschen um mich herum ebenfalls nicht. Diese Entscheidung fiel mir nicht nur aus Angst schwer, sondern auch, weil ich realisiert habe, dass ich nichts ändern kann und ich es so oft versucht habe. Dass ich das Jahr beenden muss, obwohl ich so oft dafür gekämpft habe es durchzuhalten. Die Zeit hier war kurz, sicherlich zu kurz. Aber nicht zu kurz, um zu lernen was wichtig für mich ist. Ich weiß nun, dass ich noch lange nicht über den Tod meines Bruders hinweg bin. Dass ich die Trauer immer vor mir her geschoben habe und nun in einer völlig überraschenden Situation damit konfrontiert werde. Mir wurde bewusst, dass ich mir selber nicht zu viele und große Ziele setzten darf und nicht mit einer Selbstverständlichkeit in neue Abschnitte des Lebens einsteigen sollte, denn so enttäusche ich mich immer aufs Neue. Wäre es nicht zum Krankenhausaufenthalt gekommen, würde ich vermutlich noch die nächsten Wochen, wenn nicht sogar Monate, Nachts wach in meinem Bett liegen und in Depressionen verfallen. Denn Körperliche Schmerzen können jederzeit durch Schmerztabletten vermindert oder sogar aufgelöst werden, doch die Schmerzen im Herzen und in den Gedanken benötigen Hilfe, dessen Aufwand größer und zeitlich länger ist. Insofern bin ich froh, dass mein eigener Körper mir durch all die Schwächeanfälle mitgeteilt hat, dass ich so nicht weiter machen kann. Hätte mein Kreislauf nicht nachgelassen, würde sich mein physischer Zustand zwar nicht verschlechtern, aber dafür würde sich mein psychischer immer mehr in die Kluft meines dunklen Ich's reißen. Also stehe ich jetzt an einem Punkt, der mich einerseits stolz darauf macht sich für mich selbst entschieden zu haben, was mir in Vergangenheit schon immer schwer fiel, als auch an einem Punkt der Traurigkeit. Denn ich habe in den ersten und letzten vier Wochen hier wundervolle Menschen in mein Herz geschlossen, dessen Abschied nehmen mir mehr als schwer fällt. Mit ihnen hätte ich ein wunderbares Jahr verbringen können, dessen bin ich mir voll und ganz bewusst. Der Ort Karagwe ist sehr schön und trotz meines sehr kurzen Aufenthalts habe ich beim Verlassen das Gefühl verspürt, aus meinem neuen Zuhause zu verschwinden. Und gerade weil ich trotz all der hauptsächlich harten Zeit wertvolle Schlüsselmomente gesammelt haben, welche mich ebenfalls stark bereichert haben, möchte ich euch zum Land auch noch ein wenig berichten: Tanzania ist ein wunderschönes Land. Zumindest die Bereiche, welche ich schon kenne. Die Kultur ist sehr anders. Andere Sitten, Gebräuche, Gewohnheiten. Die Frauenrolle steht immer noch stark hinter dem Mann, was ich ebenfalls oft zu spüren bekam. Die Menschen stehen sehr nah zum Glauben und setzen viel daran. Allgemein sind sie alle sehr langsam.. Nehmen sich für vieles fast dreimal so viel Zeit wie wir Deutschen es tun. Deutschland ist ein hektisches Land, Tanzania hingegen ein sehr Langsames. Sich zu lieben bedeutet hier etwas anderes: Viele schließen den Bund der Ehe aus rein finanziellen Gründen. Sich auf der Straße als ein Einheimischer mit seinem Geliebten zu zeigen, führt zu Missverständnissen, wenn nicht sogar zu Gerüchten. Männer tuen nach meinem Gefühl oft das, was sie wollen.. Ich könnte hier keine einfache Freundschaft zu einem jugendlichen Mann aufbauen ohne ihm das Gefühl zu vermitteln, dass zwischen uns etwas laufen könnte (Bitte beachtet, dass das meine alleinige Sicht sein kann und viele Ansichten sich da unterscheiden). Was mir als sehr positiv auffällt ist ihr Wertschätzen von Dingen, die selbstverständlich für mich sind. Zum Beispiel freuen sie sich sehr über Regen, welcher ihnen die Ernte und somit das Überleben garantiert. Denn laut Achsah bekommen die Menschen hier durchschnittlich im Monat 10-20€. Manche arme Familien leben alleine von 5€ pro Monat! Das Essen und Leben ist für sie eine großes Geschenk. Ich realisiere, dass ich manchmal völlig undankbar Dinge zu mir nehme, wo sie hingegen glücklich drüber wären.. Sei es nur ein Stück Schokolade oder gar ein Stück Brot. Ich möchte ungern den Stereotyp, dass Tanzania/Afrika arm ist, bestätigen. Doch in vielen Situationen wurde ich tatsächlich mit dieser Realität konfrontiert. Die Menschen sind hier einfach tierisch dankbar für das was sie haben! Das heißt nicht, dass ich jetzt genau wie sie aus Solidarität auf all das Schöne verzichten sollte, sondern dass ich einfach genau so dankbar sein darf. Für sie hingegen ist ihre Natur eine völlige Gewohnheit. Als ich mit Achsah Abends durch die Bananenstauden lief und voller Begeisterung vom Sternenhimmel stehen blieb, lachte sie nur und meinte:„Glaub mir meine Liebe, das ist noch lange nicht alles! Sowas wäre mir gar nicht aufgefallen." Der Sternenhimmel glitzerte wie New York bei Nacht..! In diesem Moment verspürte ich das Gefühl von Vollkommenheit. Die Musik hier ist sehr aufheiternd, kaum einer hört so melancholische wie ich es von uns kenne. Und generell sind die Menschen hier sehr temperamentvoll, aufgeschlossen und freundlich, wenn du es auch zu ihnen bist. Ich verbrachte viel Zeit Abends mit der Familie des Headteachers der Tegemeo. Ich durfte seiner Frau beim Kochen helfen und lernte somit die Tanzanische Küche besser kennen. Ndizi mit Maharagwe (Kochbananen und Bohnen), Mnyama (Fleisch), Dagar (kleine gebratene Fische), Ugali (Maisbrei), Chapati (Fladenbrot/Pfannekuchen), Chips Mayai (Omelett mit frittierten Kartoffeln), Mandazi (süße Teigbällchen) und Pilau (Reisgericht mit orientalischen Gewürzen). Auch das Einkaufen auf dem Markt viel mir mit der Zeit immer leichter. Besonders Stolz war ich auf meine erste Unterhaltung nur auf Kiswahili, denn jeden Tag lernte ich um die zwei Seiten Vokabeln und hing mir diese im ganzen Haus auf. Ich könnte noch so vieles erzählen was mich begeistert oder befremdet hat, doch sicherlich würde das meinen Blogumfang sprengen. Jedenfalls weiß ich jetzt, was ich alles wertschätzen kann wenn ich Nachhause komme... Sei es nur die Zahnbürste oder das kleine Schälchen Müsli am Morgen. Vielleicht komme ich ja noch zu dem einen oder anderen Eintrag, doch erst mal möchte ich mich um mich selbst kümmern und all das viele Neue verarbeiten. Ich muss mein bevorstehendes Jahr mit neuen Plänen füllen, wobei ich auf Gott und mein Bauchgefühl vertraue. And One day.. I will come back Tanzania! Nitakuja Tanzania, ninajua. Ninapenda nchi lako, chakula na watu. Watoto na Wazee.. Msichana na Mvulana! Tutaonana.. Ndani Tanzania au Ujerumani. Kaka na Dada? Kwaheri! Macht es gut und vergesst nicht zu lächeln! Eure Miriam Zawadi.

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